2. April 2026

Die zweite Phase der Agentic-Entwicklung: Von Ports zu Neuerfindungen

Drew Breunig verfolgt seit Monaten die Entwicklung von Spec Driven Development (SDD) und hat nun den Uebergang in eine zweite Phase beschrieben. Die erste Phase war gepraegt von Klonen und Ports bestehender Software. Die zweite Phase geht weiter: Software wird von Grund auf neu gedacht, mit Agenten als billigem Implementierungswerkzeug.

Phase 1: Tests existieren bereits

Breunigs zentrale Beobachtung zu SDD: "By far, the hardest part of starting a SDD project is creating the tests." Die ersten erfolgreichen SDD-Projekte umgingen dieses Problem, indem sie auf bestehende Spezifikationen und Test-Suites zurueckgriffen:

Das Muster ist eindeutig: Alle drei Projekte portierten bestehende, gut spezifizierte Software in eine andere Sprache oder Laufzeitumgebung. Die Tests waren das Geschenk -- sie existierten bereits, weil das Original ueber Jahre oder Jahrzehnte getestet wurde.

Das deckt sich mit der Analyse des Spec Layers: Matt Rickard argumentiert, dass Tests allein nicht genuegen, weil sie Verhalten pruefen, nicht Intention. Bei Ports ist dieser Unterschied irrelevant -- die Intention ist identisch mit dem Original. Deshalb funktioniert SDD dort so reibungslos.

Phase 2: Neuerfindungen statt Klone

Die zweite Phase bricht mit diesem Muster. Statt bestehende Software zu portieren, wird Software von Grund auf neu gedacht. Zwei aktuelle Projekte zeigen diesen Uebergang:

Der Unterschied zur ersten Phase: Es gibt keine fertigen Test-Suites, auf die man zurueckgreifen kann. Die Spezifikation muss selbst geschrieben werden. Das ist deutlich schwieriger und erklaert, warum diese Phase spaeter kommt.

Das oekonomische Argument

Breunigs Kernthese ist oekonomisch: "Code is cheap. We can take more shots, more often, to counter the embedded standards." Bestehende Software-Standards und -Loesungen haben einen eingebauten Vorteil -- sie sind da, sie funktionieren, sie haben ein Oekosystem. Bisher war eine Neuimplementierung fast immer teurer als der moegliche Gewinn. Coding-Agenten verschieben diese Rechnung. Wenn Implementierung billig wird, lohnen sich Ansaetze, die vorher unwirtschaftlich waren.

Das verbindet sich direkt mit dem Konzept des Harness Engineering: Die Infrastruktur, die Agenten steuert -- Tests, CI/CD, Spezifikationen -- wird zum entscheidenden Investitionsbereich. In Phase 1 war das Harness weitgehend vorhanden (bestehende Test-Suites). In Phase 2 muss es gebaut werden. Wer kein Harness hat, kann die zweite Phase nicht nutzen.

Praktische Einordnung

Fuer die meisten Entwicklungsteams sind die Implikationen:

  1. Phase 1 ist heute zugaenglich: Ports und Klone mit bestehenden Test-Suites funktionieren bereits zuverlaessig. Wer eine gut getestete Bibliothek in eine andere Sprache bringen will, kann SDD sofort einsetzen.
  2. Phase 2 erfordert Vorarbeit: Neuerfindungen brauchen eigene Spezifikationen und Test-Infrastruktur. Die Faehigkeit, gute Tests zu schreiben, wird zur Kernkompetenz -- nicht die Faehigkeit, Code zu schreiben.
  3. Die Reihenfolge ist klar: Erst das Harness bauen (Tests, Specs, CI/CD), dann den Agenten implementieren lassen. Nicht umgekehrt.

Breunigs Prognose: "Expect more reimaginings leveraging agent-assisted development to tackle entrenched software tools." Die zweite Phase hat gerade erst begonnen.

Quellen

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